Qualität statt Quantität im Jungtaubenschlag
Qualität statt Quantität im Jungtaubenschlag
Rechtzeitige Selektion bringt viele Vorteile
Alle unsere züchterischen Fortschritte wurden und werden auch weiterhin vornehmlich durch reichliche Vermehrung unserer Tauben gemacht. Dabei ist züchterisches Können gefragt, indem wir eben solche Erbanlagen in der Zucht miteinander kombinieren, welche die auf einen Standard bezogene Merkmale in möglichst grosser Anzahl in den nachgezogenen Individuen zum Vorschein bringen oder, wie die Genetiker sagen, im Phänotyp darstellen.
So betrachtet ist es also ganz selbstverständlich, dass wir in unserer Zucht Tiervermehrung betreiben, um irgendwann im weiteren Ablauf des Jahres eine Auswahl für die Ausstellungen und die Zucht vornehmen zu können. Das klingt alles sehr einfach, wird in der Praxis aber oft zum Problem.
Wenn wir einmal davon ausgehen, dass wir mit 10 Paaren einer Rasse in die Zucht gehen, wobei wir alle wissen, dass sehr viele Züchter mit deutlich mehr Zuchtpaaren Nachwuchs "produzieren", gerade dann, wenn sie mehrere Rassen oder Farbenschläge züchten, dann ergibt das, wenn wir von 6-8 Jungtieren je Paar ausgehen, etwa 60-80 Jungtauben in einer Brutsaison.
Schon daher wird klar, der Jungtaubenschlag füllt sich im Verlauf des Frühjahres und des Sommers gewaltig und teilweise wird es dann, wenn nicht rechtzeitig in der Zucht ein Schlusspunkt gesetzt wird, mit dem Platz für den Nachwuchs richtig eng.
Jeder Züchter weiss das und erinnert sich an Schlagbesuche im Spätsommer, wenn bei den Jungtauben der ganze Schlag voll sitzt und auch in der Voliere alle Sitzbretter und Stangen dicht belagert sind. Man kann sich angesichts der grossen Anzahl dann kaum orientieren, geschweige sich auf einzelne Tauben konzentrieren. Wer kann da noch den Überblick behalten?
Dazu kommt, dass durch den Überbesatz mit vielen Jungtieren ständig Unruhe und Bewegung im Schlag herrscht; es gibt häufig Raufereien um freie Plätze, kurz gesagt, die Tiere sind einer hohen Stressbelastung ausgesetzt, was schnell die Ursache für Entwicklungsverzögerung oder Krankheit werden kann.
Deshalb sollte jeder Züchter unbedingt bereits im Jungtaubenschlag immer wieder kontrollieren und selektieren, damit die von uns begrenzte Auswahl des Nachwuchses bessere Bedingungen vorfindet.
Aber besonders Anfängern in der Zucht wird es grosse Probleme machen, die Spreu vom Weizen zu trennen, wozu es sicher neben einer genauen Standardkenntnis einiger Routine und vor allem der Erfahrung bedarf. Weil das nicht alle Züchter haben, warten wir vermehrt solange es geht in der Hoffnung, dass irgendwann jemand kommt und die jungen Tauben qualifiziert und auswählt. Wenn diese Selektion dann auch nicht stattfindet, wird im Herbst für die Ausstellungen fast zufällig, je nach Tagesform und eigenem Gutdünken ausgewählt - und die Enttäuschung bezüglich der Bewertungsergebnissen ist vorprogrammiert.
Es ist also eine zentrale und wichtige Aufgabe für jeden Züchter, bei seinen Jungtauben möglichst frühzeitig mit der Auswahl zu beginnen. Das Gesagte trifft allerdings nicht für alle Tierbestände zu, zumal bei einigen Taubenrassen Struktur-, vor allem aber Farb- und Zeichnungsqualtitäten erst nach der Mauser aussagekräftig zu beurteilen sind.
Was aber für alle Tauben zutreffen muss, ist das Kriterium der Fitness und der Gesundheit, das jeder, wenn er, wenn er seine Tauben genau beobachtet und auch immer wieder in die Hand nimmt, schnell überprüfen kann. Sind die Augen klar, die Nasenwarzen trocken, die Brust gut gerundet und das Gefieder ungezieferfrei und straff, sind das verlässliche und einfache Hinweise für einen guten Gesundheitszustand unserer Lieblinge. Dazu braucht man kein Tierarzt zu sein.
Zusätzlich muss dann aber entsprechend den Standardvorgaben der jeweiligen Rassenach formlichen und/oder farblichen Vorgaben gemustert und gegebenenfalls ausgemustert werden. Es macht, um ein Beispiel zu nennen, absolut keinen Sinn, wenn wir beispielweise einen Deutschen Modeneser in der Gazzi-Zeichnung noch monatelang im Jungtierschlag behalten und durchfüttern, obwohl schon recht bald zu sehen ist, dass der farbige Latz viel zu lang ist, die Bauchseite grosse Farbflecken zeigt, die auch kein Putzkünstler, ohne Kahlstellen zu hinterlassen, entfernen kann. Oder welchen Sinn macht es, eine junge Kingtaube mit abfallender Haltung oder mangelnder Kopfsubstanz noch bis zu den Ausstellungen im Jungtierabteil zu belassen, obwohl sie nie einen Schaukäfig von innen ehen oder jemals in der Zucht Verwendung finden wird.
Wir sollten also unbedingt darauf bedacht sein, dass unser Taubennachwuchs immer überschaubar und kontrollierbar bleibt. Begrenzung statt Maximierung sollte unsere Devise sein - oder anders ausgedrückt: Die Qualität sollte beim Nachwuchs vor der Quantität stehen.
Wird das nicht beachtet, führt das zu einem überflüssigen und leider nachteiligen Überbesatz, der eben verhindert, dass unsere genetisch gut veranlagten Jungtiere sich optimal entwickeln und ihre Stärken zum Ausdruck bringen können. In der Beschränkung und Auswahl liegt der eigentliche Reiz unseres Hobbys; alles andere ist nur Vermehrung und das alleine befriedigt den versierten Züchter mit Sicherheit nicht.
Quelle: Geflügelzeitung
